Santiago, Sehnsucht und Selbstfindung: Unterwegs auf dem Jakobsweg | Weiden24

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07.03.2025
Barbara hat es fast geschafft. Noch 100 km auf dem Jakobsweg und sie kommt an ihrem Ziel Santiago de Compostela an. (Bild: privat)
Barbara hat es fast geschafft. Noch 100 km auf dem Jakobsweg und sie kommt an ihrem Ziel Santiago de Compostela an. (Bild: privat)
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Barbara hat es fast geschafft. Noch 100 km auf dem Jakobsweg und sie kommt an ihrem Ziel Santiago de Compostela an. (Bild: privat)

Santiago, Sehnsucht und Selbstfindung: Unterwegs auf dem Jakobsweg

Barbara ist Physiotherapeutin und Yogalehrerin – ein stressiger Alltag mit zwei Jobs. Um dem zu entfliehen, meistert sie im Sommer 2024 einen Jakobsweg mit knapp 800 Kilometern. Damit begibt sie sich auf eine Reise zu sich selbst.

Tränen laufen über Barbara Forsters Gesicht. Der Himmel über der 49-Jährigen ist blau, die Sonne strahlt schon um acht Uhr morgens die bunten Häuserfassaden an. Orientierungslos irrt die Wanderin durch die engen Gassen von Pamplona, einer Stadt im Norden Spaniens. So beginnt die Pilgerreise der Oberpfälzerin – voller Sehnsucht.

Zwischen dem 8. Mai und 4. Juni 2024 läuft sie den Jakobsweg, genauer gesagt den „Camino Frances“. Es gibt nämlich nicht nur einen Jakobsweg, sondern ganz viele. Der „Camino Frances“ ist der bekannteste. Er ist gut 800 Kilometer lang und führt von Saint-Jean-Pied-de-Port in Frankreich nach Santiago de Compostela in Spanien. „Ich wollte entschleunigen und raus aus dem Hamsterrad“, erklärt Barbara. Angesichts ihrer Jobs nachvollziehbar: Sie arbeitet als Physiotherapeutin in Friedenfels (Landkreis Tirschenreuth) und ist nebenbei als Yogalehrerin selbstständig.

Als sie weinend durch die spanische Großstadt marschiert, hat die Oberpfälzerin vor allem Sehnsucht nach ihrem Mann. 20 Jahre sind die beiden verheiratet. Kurz zuvor haben die Eheleute sich verabschiedet – für vier Wochen. So lange sind sie noch nie getrennt gewesen. Die ersten Etappen von Saint-Jean-Pied-de-Port bis Pamplona hatte das Paar gemeinsam gemeistert. Sie wandernd, er auf dem Motorrad. „Es stand nie zur Debatte, dass er oder eine Freundin mich auf dem ganzen Weg begleitet“, sagt die 49-Jährige.

Wenig Vorbereitung

Ein älterer Spanier wird auf die herumirrende Pilgerin aufmerksam. „Camino?“, fragt er. Sie nickt. Der Greis begleitet die Touristin zum Beginn der Route. Eine gute halbe Stunde läuft Barbara aus der Stadt hinaus – so wie viele andere. „Das ist schon ein Kontrast zur Idealvorstellung, ganz alleine zu laufen.“ Zeitgleich schwirren Zweifel im Kopf der Wanderin umher. Sie fragt sich, ob sie die Pilgerreise schaffen wird. „Aufgeben war aber nie eine Option.“

Den weiteren Teil der Etappe meistert die Blondhaarige gut. Es geht einen Berg hinauf, Mohn blüht am Wegesrand. Für die Sportlerin, die in ihrer Freizeit joggt und wandert, ist die Steigung kein Problem. Tatsächlich hat sie sich kaum auf ihre Camino-Wanderung vorbereitet. „Ich habe einmal ausprobiert, wie es ist, mit dem Rucksack zu laufen. Das war’s.“ Ihr Highlight der ersten Route alleine: die Frühstückspause. Barbara verdrückt ein Croissant und eine Tortilla. Genüsslich schlürft sie einen Kaffee dazu, die Stimmung steigt. Eine Handvoll Iren spricht die Frau auf Englisch an. Ein bisschen Small Talk und weiter geht’s.

Nur ein Luxusartikel

Irgendwann schmerzen die Füße in den neuen, kaum eingelaufenen Wanderschuhen. Der Rucksack fühlt sich an wie ein Sack voller Backsteine. Acht Kilo wiegt er. Dabei befindet sich wirklich nur das Nötigste darin: zwei Unterhosen, zwei Paar Socken und ein Set an Wechselkleidung sowie ein paar Kosmetikprodukte. Barbaras einziger Luxusartikel: eine Powerbank. „Viele mögen das unnötig finden, aber für mich ist es wichtig, dass ich mein Handy laden kann.“ Sie braucht ihr Telefon, um ihren Mann zu erreichen, Fotos zu machen und um Unterkünfte zu buchen.

Nach 30 Kilometern erreicht Barbara schließlich ihre Herberge in Puente la Reina. Am Nachmittag ist sie fast ganz alleine auf den Wanderwegen unterwegs, anders als vormittags. „Ich halte mich nicht an den Reiseführer und laufe oftmals längere Etappen“, sagt die Sportlerin. Daher kommt sie logischerweise erst später an ihrem gewählten Ziel an, als andere, die einen kürzeren und schnelleren Weg wählen. Die Herberge ist eine private Unterkunft. Viele sind allerdings staatlich finanziert. Diese können Wanderer nicht im Voraus buchen, es gilt: First come, first serve. Auch deshalb sind viele nur bis zum frühen Nachmittag unterwegs. Dafür sind staatliche Unterkünfte meistens etwas günstiger als die privaten. Zwischen acht und fünfzehn Euro kostet eine Übernachtung.

Gemeinsam Feiern

In Puente la Reina ist es 17 Uhr und Zeit fürs Abendessen. Es gibt ein „Pilger-Menü“, bei dem alle Wanderer, die möchten, zusammen essen können. So ein Menü bieten viele Herbergen für wenig Geld an – oft gibt es eine Flasche Wein dazu. Auch vegetarische Alternativen werden angeboten. Für die Wanderin, die vegetarisch lebt, ein Segen. „In Spanien ist es wirklich schwierig, vegetarisches Essen zu finden.“ An diesem Abend gibt es ein Tofu-Gericht, trotzdem fühlt Barbara sich überfordert. Sie sitzt mit mehreren Amerikanern am Tisch. Diese sind herzlich, aber reden schnell und im Slang auf die Oberpfälzerin ein. „In den Unterkünften lernt man viele Menschen aus aller Welt kennen“, erklärt Barbara. Viele Pilger kommen aus Amerika, Spanien oder Südkorea. Man spreche miteinander schnell über tiefgründige Themen wie Verluste oder erlebte Traumata.

Aber es geht nicht immer so intensiv zu. Oft trinken die Pilger abends einfach mal eine Flasche Wein zusammen. Es wird gefeiert, dass die Anwesenden die vorangegangene Etappe gemeistert haben. An einem solchen Abend lernt Barbara zwei inzwischen gute Freunde kennen. Mit ihnen und ein paar anderen Pilgern ist sie immer noch in Kontakt. Das besondere am Camino seien die Menschen, denen man begegnet. Da ist es in ihren Augen umso schöner, dass sie auf ihrer Route ab und an Personen wieder trifft, die sie kurz zuvor andernorts kennengelernt hat.

Stolz, aber erschöpft sinkt sie nach dem Essen in ihr Bett in einem Gemeinschaftszimmer, in dem sieben andere Pilger übernachten. Es gibt Stockbetten. Die Matratzen, Decken und Kissen sind mit blauer Einmalbettwäsche bezogen. Die Betten sind etwas abgenutzt, wenigstens ist der Raum sauber.

Magische Begegnung

„Gut zur Ruhe komme ich nicht, wenn ich mit so vielen Fremden in einem Raum schlafe“, gesteht die Pilgerin. Es sei ihre größte Angst, keine Bleibe für die Nacht zu finden. Deshalb hat sie die ersten drei Übernachtungen schon gebucht, bevor sie los gewandert ist. Die nachfolgenden Herbergen reserviert Barbara jeweils am Tag zuvor.

Nach der ersten Strecke alleine geht es für die Pilgerin weiter über Logroño, Burgos und León nach Santiago de Compostela. Noch in ihrer ersten Woche passiert ihr etwas Ungewöhnliches. An einem Foodtruck mitten im Nirgendwo kauft sie eine Packung Hummus als Wegzehrung. Die Verkäuferin ist eine Amerikanerin namens Mandy. Besagte Frau trifft Barbara zwei Tage später in einem Café wieder, in dem die Pilgerin einen Kuchen isst. Die beinahe Unbekannte setzt sich zu ihr an den Tisch. Schnell stellen die Frauen fest, dass sie demselben Beruf nachgehen: Beide sind Physiotherapeutinnen. Mandy erzählt, sie sei Jesus nach Spanien gefolgt und lebe jetzt hier. Dann will sie für Barbara beten. Die willigt perplex ein. Während des Gebets fangen die Frauen an zu weinen, am Ende umarmen sie sich – wohl wissend, dass sie sich nie wieder sehen werden. „Das ist wie ein kleines Wunder, was es eigentlich gar nicht geben kann“, findet die Oberpfälzerin. Das mache den Jakobsweg aus: die Herzlichkeit und Offenheit der Menschen. Er sei der Weg der offenen Herzen und damit mehr als ein gewöhnlicher Wanderweg.

Auf ihrer weiteren Reise muss Barbara feststellen: „Da sind schon Etappen dabei, wo ich das Gefühl habe, ich komme nicht mehr an.“ Vor allem Abschnitte an Autobahnen oder durch Industriegebiete seien mühsam. Auch die Etappe durch die Meseta, die spanische Hochebene, ist eine Herausforderung. Der Feldweg ist zwar gerade und verhältnismäßig eben, doch die Füße werden durch die Monotonie des Weges immer schwerer. Trotzdem hat Barbara Glück. Abgesehen von einer leichten Erkältung bleibt sie während der Reise gesund. Blasen bekommt die Wanderin keine. Das Wetter zeigt sich ebenfalls von seiner besten Seite. Nur acht Regentage erlebt die Pilgerin auf ihrer Wanderung. Auch Heimweh hat die Abenteurerin keines. Allerdings telefoniert sie jeden Abend mit ihrem Mann und schickt ihm Eindrücke ihres Tages.

Endlich Entschleunigen

Einer, der nachhaltig geblieben ist, ist der vom Cruz de Ferro, einem Eisenkreuz in den Montes de León. Dort legen zahlreiche Pilger von zu Hause mitgebrachte, bemalte Steine ab – symbolisch für die Last, die sie alle auf dem Camino hinter sich lassen wollen. So macht es auch Barbara. Auf ihrem Stein steht „Alles beginnt mit der Sehnsucht.“ Sie erläutert: „Ich wollte den Weg schon vor zwanzig Jahren laufen, aber habe mich nicht getraut. Jetzt habe ich mir gedacht: Worauf wartest du noch?“ Die Physiotherapeutin verspürt die Sehnsucht nach einer beruflichen Neuorientierung, danach entschleunigter und mehr mit sich selbst verbunden zu sein.

Im Laufe der Reise gelingt ihr das immer mehr. Die Kilometer werden weniger, der Rucksack gefühlt leichter. Schließlich steht die letzte Etappe an: noch 20 Kilometer bis Santiago. Am Morgen, um sechs Uhr, als Barbara aufbricht, ist es kühl. Fünf Grad hat es. Die letzte Strecke ist hügelig, Tau glitzert auf den grünen Wiesen. Es ist viel los, beinahe wie im Gänsemarsch bewegen sich die Menschen vorwärts. Am Stadtrand von Santiago macht die Pilgerin eine halbstündige Pause. Sie will nicht ankommen. Um 12 Uhr ist es dann so weit. Die Wanderin betritt den Praza do Obradoiro, den Platz vor der Kathedrale von Santiago de Compostela, und legt ihren Rucksack auf den Boden. Erschöpft lässt sie sich daneben fallen und beobachtet das Treiben auf dem Platz. Zahlreiche Pilger erreichen ihr Ziel. Da ist zum Beispiel ein alter Mann, der vor der Kathedrale von seiner Frau erwartet wird. Die beiden fallen sich in die Arme und weinen vor Freunde, sich wiederzusehen. Auch bei Barbara kullern die Tränen – dieses Mal vor Dankbarkeit und Stolz, aber auch vor Wehmut, dass die Reise nun vorüber ist. Das Erlebte klingt so sehr nach, dass sie erneut einen Jakobsweg bestreiten will: in diesem Sommer in der Schweiz. Ihr Abenteuer beginnt also wieder mit der Sehnsucht.

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