Stadt Null – Weiden ist tot. Ein Film über Weiden, fehlende Räume und Aufbruch | Weiden24

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vor 3 Stunden
Die kreativen Köpfe hinter „Stadt Null”: Michael Kutscher, Hannah Schraml, Johanna Grillenbeck (von links) (Bild: privat)
Die kreativen Köpfe hinter „Stadt Null”: Michael Kutscher, Hannah Schraml, Johanna Grillenbeck (von links) (Bild: privat)
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Die kreativen Köpfe hinter „Stadt Null”: Michael Kutscher, Hannah Schraml, Johanna Grillenbeck (von links) (Bild: privat)

Stadt Null – Weiden ist tot.
Ein Film über Weiden, fehlende Räume und Aufbruch

Der Film „Stadt Null – Weiden ist tot.“ stellt eine einfache Frage: Wie fühlt sich Weiden an, wenn man jung ist? Die Antworten haben eine Debatte ausgelöst – und plötzlich spricht eine ganze Stadt darüber, wie es weitergehen könnte.

Das Überraschendste an dem Film ist nicht sein Titel. Sondern ein kleiner Moment. Er spielt in der Cafeteria des Jugendzentrums Weiden. Eine Schulklasse sitzt vor der Leinwand, das Licht ist gedimmt. Niemand schaut aufs Handy. Niemand scrollt. Gebannt blicken alle nach vorne. „Man muss sich das erst einmal vorstellen: eine Gruppe Schüler, alle still, alle total aufmerksam, alle bei der Sache. Kein hektisches Scrollen, kein Flackern von Displays, kein nebenbei Daddeln, kein Ermahnen“, erinnert sich Johanna Grillenbeck. Sie ist Sozialpädagogin beim Stadtjugendring und arbeitet im JUZ Weiden. Der Film trifft einen Nerv. Viele der Jugendlichen im Raum nicken, als auf der Leinwand über fehlende Treffpunkte gesprochen wird.
Der Film heißt „Stadt Null – Weiden ist tot.“ Gedreht wurde er von einem kleinen Team aus der Region: dem Filmemacher Michael Kutscher, der Journalistin Hannah Schraml sowie dem Stadtjugendring Weiden. Und er beginnt mit einer einfachen Frage: Wie fühlt sich Weiden an, wenn man jung ist?
Die Antworten fallen direkt und ungeschminkt aus. Eine junge Frau sagt, sie könne sich überhaupt nicht vorstellen, nach dem Studium zurückzukommen. Eine andere fragt: „Was hält mich denn hier in Weiden, außer meine Familie?“ Wieder andere wünschen sich vor allem „mehr Leben“, „mehr Aktivitäten“, „mehr kulturelles Angebot“. Einer sagt: „Leute, wir brauchen mal eine Abwechslung. Also for real.“ Es sind Sätze, die hängen bleiben.

Wie der Film entstanden ist

Der Film „Stadt Null“ entstand ohne festen Redaktionsplan. Kein Skript, keine vorgefertigten Fragen. Am Anfang stand lediglich die Idee für einen Podcast oder ein Spin-off des Formats „futur.perfekt“, das Michael Kutscher zuvor ins Leben gerufen hatte. Der Stadtjugendring griff diese Idee auf, Fördermittel des Bundesjugendrings für Demokratieprojekte wurden beantragt und aus der ursprünglichen Idee entwickelte sich schließlich eine filmische Reportage.
In den ersten Gesprächen ging es noch um Politik, um Jugend und Beteiligung. Zwischenzeitlich stand sogar die Begleitung kommunaler Prozesse im Raum. Irgendwann schlug Michael vor, stattdessen in Richtung Reportage zu gehen – näher an den Menschen und näher an der Realität.
Kurz darauf brachte ein Praktikant im JUZ Hannah Schraml als mögliche Moderatorin ins Spiel. Anfang zwanzig, aufgewachsen in der Region, neugierig und vor allem: nah genug dran an der Realität der Jugendlichen, um deren Perspektive glaubwürdig einzufangen.
So entstand schließlich die Konstellation: Johanna Grillenbeck vom Stadtjugendring, die das Projekt initiierte. Michael Kutscher mit seinem kritischen Blick auf politische Prozesse und gesellschaftliche Entwicklungen. Und Hannah Schraml, die als Host vor der Kamera genau die Fragen stellt, die viele junge Menschen in Weiden umtreiben.

Wer ist eigentlich zuständig?

Viele Menschen, die etwas bewegen wollen, kennen diesen Moment. Man hat eine Idee, aber weiß nicht, an wen man sich wenden kann. An den Bürgermeister? An die Stadtverwaltung? An das Kulturamt? An das JUZ? Wer hilft? Wer übernimmt Verantwortung? Und wer sagt vielleicht sogar: „Probieren wir es gemeinsam.“
Michael Kutscher kennt diese Situation und diese Fragen aus Gesprächen mit Politik und Verwaltung. Johanna Grillenbeck erlebt sie in ihrer Arbeit als Sozialpädagogin, wenn neue Ideen und Formate entstehen sollen. Für Hannah Schraml sind diese Fragen im Film neu. Sie begegnet ihnen zum ersten Mal. Direkt. Ungefiltert. Und für alle sichtbar.
„Stadt Null“ liefert auf diese Fragen keine Antworten. Und genau darin liegt seine Stärke. Der Film zeigt, dass viele Jugendliche dieselben Zweifel und Gedanken haben. Stattdessen macht er sichtbar, dass sich junge Menschen genau diese Fragen stellen. Er zeigt, dass viele Menschen ähnliche Gedanken haben – oft unabhängig voneinander. Und plötzlich fühlen sich junge Menschen nicht mehr mit ihren Gedanken allein. Plötzlich entsteht ein Ausgangspunkt – für neue Ideen, Engagement oder Gespräche.

„Weiden ist tot.“

Eigentlich war dieser Titel ursprünglich gar nicht geplant. Er entstand aus den vielen Gesprächen, die Schraml und Kutscher geführt haben. „Weiden ist tot“ – diese Aussage fiel so oft, dass sie irgendwann nicht mehr überhört werden konnte. Mal ironisch, mal ernst. Mal wortgleich, mal sinngemäß. Wichtig ist: Der Satz wurde den Jugendlichen nicht in den Mund gelegt. Er kam von ihnen selbst. Die Filmemacher entschieden sich bewusst gegen ein Fragezeichen. Kein „Ist Weiden wirklich tot?“, kein Relativieren. Ein Punkt. Eine Aussage. Eine gemeinsame Wahrnehmung. „Wenn junge Menschen sagen ‚Weiden ist tot‘, dann ist das erst einmal ihre ganz persönliche Wahrheit und ihre Wahrnehmung“, sagt Hannah Schraml. „Und deshalb wollte ich da einen Punkt.“
Natürlich ist Weiden nicht „tot“. Es gibt Schulen, eine belebte Altstadt, Vereine und Veranstaltungen. Städte „sterben“ selten.
Was die Jugendlichen beschreiben, ist etwas anderes: das Gefühl, nicht gehört zu werden. Es ist das Fehlen sozialer Räume. Von Orten der Begegnung. Orte, an denen man nichts konsumieren muss. Orte, die niederschwellig und für alle zugänglich sind. Es geht nicht nur um Nachtleben oder Eventkalender. Es geht um gesellschaftliche Zugehörigkeit – und darum, gehört zu werden.

Ein Blick hinter die Kulissen

Die Reportage führt schließlich dorthin, wo solche Fragen früher oder später landen: in die Stadtverwaltung. Hannah Schraml möchte herausfinden, wie die Stadt eigentlich funktioniert. Wer entscheidet. Wer gestaltet. Und warum Bürokratie manchmal notwendig ist. Sie trifft Mitarbeitende, spricht mit Politikern und Stadträten. Alle beschreiben ihre Perspektiven.
Eine Erkenntnis bleibt dabei hängen: Es gibt keine konkrete Stelle, an die sich Jugendliche oder engagierte Menschen mit ihren Ideen wenden können. Auf die Frage nach einer zentralen Anlaufstelle heißt es in der Verwaltung schlicht: „Nein, so eine Stelle gibt es nicht.“ Eine kleine Erkenntnis – aber eine, die eine Lücke sichtbar macht. Denn oft scheitert es nicht am Geld, sondern schon vorher, auf dem Weg.
Hannah erinnert sich an ihre Frustration während der Dreharbeiten: „Ich dachte mir zwischendrin wirklich: Das kann doch nicht sein, dass alles so schwierig ist.“

Es kann sich etwas bewegen

„Stadt Null“ bleibt jedoch nicht bei der Selbstdiagnose. Der Film zeigt auch Beispiele, bei denen sich tatsächlich etwas bewegt hat. Ein Beispiel dafür ist der Skatepark am JUZ. Fünf Jahre dauerte es, bis aus einer Idee ein realer Ort wurde. Angefangen hat alles mit Skatekursen am alten Park. Kinder, Jugendliche und Eltern kamen zusammen, es gab Gespräche, eine Petition – aber vor allem: viel Geduld.
Einer der treibenden Köpfe hinter dem Projekt war Mike Ringer. Sein Rat im Film klingt eigentlich simpel: „Wenn man einen großen Traum hat, braucht man Leute.“ Und: „Das Leben ist lang. Beim Skatepark hat sich bewiesen, dass man einfach auch ein bisschen Geduld haben muss.“
Ein weiteres Beispiel ist das Plan B. Ein Schülercafé und Jugendtreff, der für viele Jugendliche zu einem wichtigen Ort geworden ist – besonders für diejenigen, die sich anderswo nicht zugehörig fühlen. Ein Treffpunkt, ein „zweites Wohnzimmer“ für Subkulturen und für junge Menschen, die hier Raum finden, sich auszuleben.
Im Film beschreibt eine junge Besucherin ihre Erfahrung: „Das war mit der erste Ort, wo ich mich wirklich getraut habe, ich selber zu sein. Ich wurde einfach mit offenen Armen so akzeptiert, wie ich bin.“
Auch das zeigt der Film: Veränderung zum Positiven ist möglich. Aber sie fällt niemandem in den Schoß. Es braucht Menschen, die sich einsetzen. Die dranbleiben, die nicht aufgeben, wenn sie an Grenzen stoßen.

„Stadt Null“ hat etwas geleistet, was für die Macher im Vorfeld kaum vorstellbar war. Der Film wurde zu einer Plattform. Zur Grundlage
für Gespräche, auf der man aufbauen kann. Michael Kutscher beschreibt es als eine „Null-Linie, von der aus man weiterdenken kann“. Der Film benennt Probleme klar. Kommunikationslücken, strukturelle Hürden und das Gefühl vieler Jugendlicher, von Politik und Verwaltung nicht wahrgenommen
zu werden. Aber – und das ist entscheidend – jetzt wird darüber gesprochen. Nach den Vorführungen wurde diskutiert. Im JUZ, in Schulen, im Rathaus, am Frühstückstisch zu Hause, in Cafés. Die Wirkung des Films reichte weit über
die Leinwand hinaus. „Das Bewusstsein bei Entscheidungsträgern ist geweckt worden. Grund dafür war dieser Film“, sagt Hannah Schraml. Und das ist vielleicht der größte Erfolg des Films: Seine Wirkung misst sich nicht daran, ob am Tag nach der Premiere ein Kulturzentrum oder ein Sozialcafé eröffnet
wird. Sie zeigt sich darin, dass Verantwortliche ein Bewusstsein dafür entwickeln, was Jugendliche brauchen – und was sie sich wünschen. Dass man
nicht mehr bei „Stadt Null“ anfangen muss.

Wie kann es weitergehen?

Für die Macher ist „Stadt Null“ deshalb kein abgeschlossener Film, sondern eher ein Anfang. Gemeinsam mit Unterstützern aus der Region planen sie bereits eine Fortsetzung des Projekts. Mithilfe einer Crowdfunding-Kampagne soll eine neue Reportage entstehen – wieder aus Weiden, wieder aus der Region, wieder nah an den Menschen.
Die Idee bleibt dieselbe: Geschichten aus der eigenen Stadt erzählen, Missstände sichtbar und erlebbar machen – und gleichzeitig zeigen, wo und wie Veränderung möglich ist. Themen gäbe es genug: bezahlbarer Wohnraum, verschwundene Treffpunkte, das Nachtleben in kleineren Städten oder neue Formen von Gemeinschaft.
Doch dieses Mal dürfen auch die Unterstützer der Crowdfunding-Kampagne mitentscheiden.

Und jetzt?

Wenn es nach Michael, Hannah und Johanna geht, hat die Diskussion, die der Film ausgelöst hat, gerade erst begonnen. Der Film war nur der Anfang.
Vielleicht beginnt genau jetzt etwas Neues.
Nicht mehr bei „Null“, sondern dort, wo jemand angefangen hat, nachzufragen.

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Hier geht's zum ganzen Film:

 
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