Die Redaktion der „Ausbildungsperspektiven“ besucht einen tschechischen Ausbildungsbetrieb
Welchen Stellenwert hat die berufliche Ausbildung eigentlich in unserem Nachbarland, wollte die Redaktion der „Ausbildungsperspektiven“ wissen und besuchte gegen Ende des vergangenen Jahres die beiden tschechischen Betriebsstätten von „ept connector s.r.o.“ in Habartov (ehemals Habersbirk) und Svatava (Zwodau) bei Sokolov (Falkenau), etwa eine Autostunde von Weiden entfernt.
Das Elektronikunternehmen stellt Stecker her, die Leiterplatten verbinden, die wiederum in der Steuerung von Anlagen benötigt werden. Das inhabergeführte, international agierende Mutterunternehmen (ept GmbH) hat seinen Sitz im oberbayerischen Ort Peiting und über 1200 Mitarbeiter. Davon sind rund 250 fest an den beiden tschechischen Produktionsstandorten beschäftigt.
Tomáš Musil leitet die Geschäfte vor Ort. An diesem Tag wird er begleitet von Gabriela Titěrová , der tschechischen Personalleiterin. Die beiden sprechen hervorragend deutsch und übersetzen im Gespräch mit der 17-jährigen Martina. Martina stammt aus der Nähe von Karlsbad, pendelt jeden Tag mit dem Bus zwischen Betrieb und Zuhause und durchläuft im dritten Jahr bei „ept connector“ eine Ausbildung zur Werkzeugmechanikerin, nach tschechischer Ausbildungsordnung. Im Wesentlichen fertigt sie Stanz-, Spritz- und Umformwerkzeuge sowie diverse Vorrichtungen und prüft deren Funktionsweise. „Nach ihrer Ausbildung wird sie hauptsächlich Maschinen warten, die in der Produktionsstätte für die Herstellung der Steckverbindungen benötigt werden“, sagt Musil.
„Mir macht das einfach richtig Spaß“, schwärmt die junge Frau für die technische Ausbildung. „Mein Vater hat den gleichen Beruf erlernt.“ Vor allem schätzt sie die Praxisnähe: „Ich habe im Wechsel eine Woche praktische Ausbildung im Betrieb, eine Woche Schule“, erklärt sie. „Das ergänzt sich gut.“
Allerdings sei die schulische Ausbildung manchmal etwas „hinten dran“: „Wir haben in der Berufsschule auch einen praktischen Teil, die Maschinen sind aber nicht so modern wie bei ,ept connector’. Das ist schade.“ Spricht aber wohl für den Ausbildungsbetrieb, der derzeit rund 40 junge Menschen ausbildet. „Unser deutsches Mutterunternehmen legt großen Wert auf eine fundierte Ausbildung“, lobt Musil den Einfluss der deutschen Inhaberfamilie. „Wir denken langfristig und wollen die Leute halten.“ Guten Nachwuchs zu finden, sei in Tschechien genauso schwierig wie in Deutschland, erklärt der Geschäftsführer.
Nach dem Ende der neunjährigen Schulpflicht wechseln junge Tschechen in die Sekundarstufe II. Die Schulen der Sekundarstufe II werden als „Mittelschulen“ bezeichnet. Im Wesentlichen sind dies Gymnasien oder berufsbildende Schulen.
Eine beruflich orientierte Ausbildung dauert dabei unterschiedlich lange, bei den Wegen, die „ept connector“ anbietet, sind es meistens aber drei Jahre. Im ersten Jahr besuchen alle Azubis ausschließlich die Schule, in der noch viel Allgemeinwissen vermittelt wird. Erst im zweiten und dritten Jahr arbeiten die jungen Leute wechselweise im Betrieb. Dafür bekommen sie von „ept connector“ beispielsweise „ein kleines Taschengeld“. Im zweiten Jahr sind das rund 2000 Kronen, im dritten rund 3000 Kronen pro Monat. Das geschieht auf freiwilliger Basis.
An die 300 Berufsausbildungen gibt es in Tschechien, die aber nur zum Teil mit deutschen Ausbildungsberufen zu vergleichen sind, da die Ausbildungsordnungen und -inhalte unterschiedlich sind. „Generell sind deutsche Berufsausbildungen breiter angelegt“, bestätigt Musil, „das ist vorbildlich“. In seinem Unternehmen sei man aber bestrebt, junge Menschen so auszubilden, dass sie die gleichen Fähigkeiten haben wie ihre deutschen Pendants: „Wir brauchen hervorragend ausgebildete junge Menschen. Deswegen bekommen sie von uns so viel Knowhow wie nötig und möglich“, betont der Manager.
Anders als in Deutschland schließen der Azubi und der Ausbildungsbetrieb keinen Arbeitsvertrag: „Das Vertragsverhältnis wird zwischen dem Ausbildungsbetrieb und der Berufsschule geschlossen“, erklärt Musil, der sich eine eine engere Bindung zwischen Unternehmen und Azubi wünscht, ähnlich dem deutschen System.
Tatsächlich nähert sich das tschechische System jetzt dem deutschen an. So kann seit Jahresbeginn der Teil der praktischen Ausbildung, der bislang in schulischen Werkstätten stattfand, grundsätzlich auf den Ausbildungsbetrieb ausgelagert werden. Dafür wird eine Zertifizierung des tschechischen Arbeitgeberverbandes benötigt, die auf die Einhaltung von Gütemerkmalen abzielt. In der Folge kann dies zum Beispiel dazu führen, dass der oben skizzierte Rhythmus – eine Woche Schule, eine Woche Betrieb – zugunsten eines umfassenderen Anteils betrieblicher Zeiten aufgebrochen wird. Dies wird künftig unter anderem von individuellen Vereinbarungen zwischen Schule und Betrieb abhängen.
Rund 40 Prozent der Azubis arbeiten nach der Ausbildung in seinem Betrieb weiter, schätzt Musil. Im Vergleich zu Deutschland wenig, in Tschechien viel, findet Musil. „Manche wollen etwas anderes machen, andere halten wir für nicht geeignet. Ich denke 40 Prozent, das ist ein Erfolg.“ Andererseits: „Immer, wenn es zu keiner Übernahme kommt, war die Ausbildung aus unserer Sicht leider eine Fehlinvestition.“ Für Musil ist dieses wirtschaftliche Risiko aber Teil der unternehmerischen Verantwortung. Die sei im Ausbildungswesen in Deutschland deutlich ausgeprägter als in seiner Heimat.
Aber in Tschechien tut sich, wie gesagt, momentan viel. Gesetzliche Reformen, die derzeit angestoßen werden, sollen dabei als Teil einer „Bildungsstrategie 2030+“ stark auf die Kooperation zwischen Schule und Wirtschaft setzen und die Rolle von Arbeitgebern im Ausbildungssystem ausbauen. So entstehen augenblicklich auch ein- bis zweijährige Kurzzeitstudiengänge, die stark an den Bedürfnissen der Wirtschaft orientiert sind. Diese Neuerungen bringen Tschechien einen spürbaren Schritt näher ans klassische deutsche Dualsystem – mit strukturierten Unternehmensanteilen, Zertifizierungssystem und gezielten Qualifikationen für den Arbeitsmarkt.